1.2 Deportation, Vertreibung und Umsiedlung der Ostpolen

  1. Die geschichtlichen Voraussetzungen
  2. Die Deportationen in Ostpolen ab 1939
  3. Motive für Deportationen und Vertreibungen
  4. Die "rechtliche" Seite von Deportation und Vertreibung der Ostpolen
  5. Verlauf der Vertreibung der Ostpolen
  6. Quellen und weiterführende Hinweise

Der aus Österreich stammende Philipp Ther, mittlerweile "Juniorprofessor" an der "Europa-Universität Viadrina" in Frankfurt an der Oder, schrieb 1998 in seiner Dissertation, dass in Polen zur Vertreibung der Polen aus den "polnischen Ostgebieten" bis auf wenige Aufsätze keine Publikationen vorliegen würden. In der internationalen Forschung sei die Vertreibung der Polen deshalb noch ein weißer Fleck. (Vgl. Ther, Vertriebene, 14 u. 51.)

1. Die geschichtlichen Voraussetzungen

Das schwere Schicksal der Bewohner in den polnischen Ostgebieten begann mit der sowjetischen Okkupation im September 1939. Ab Sommer 1941 gerieten diese Gebiete unter deutsche Herrschaft. Schließlich folgte ein blutiger polnisch-ukrainischer Bürgerkrieg und zuletzt die Vertreibung der Polen in die deutschen Ostgebiete.

Zu der ungemein schwierigen Frage bzgl. der Ostgrenze Polens äußerte sich am 8. Januar 1918 der amerikanische Präsident Wilson vor beiden Kammern des amerikanischen Kongresses:

Ein unabhängiger polnischer Staat soll geschaffen werden, der alle von unbestreitbar polnischer Bevölkerung bewohnten Gebiete umfasst.US-Präsident Woodrow Wilson, 14-Punkte-Programm, 8. Januar 1918

Einer in diesem Sinne für Polen eher negativen Regelung wollte der polnische Sejm zuvorkommen. Pilsudski, ein polnischer Sozialist, der 1892 aus der sibirischen Verbannung zurückkam, wurde de facto der Führer der polnischen sozialistischen Partei (PPS). Im Frieden von Riga 1921 erreichte er weitgehend die Wiederherstellung der Ostgrenze Polens von 1772.

In diesem neuen Ostpolen (ehemals weißrussisches und ukrainisches Gebiet) lebten gemäß einer Volkszählung von 1931 12-13 Millionen Menschen: 5 Mio. mit polnischer Muttersprache, ca. 4,5 Mio. Ukrainer, ca. 1 Mio. Weißrussen und 1 Mio. Juden (vgl. Georg Friebe).

Polen betrieb in der Folgezeit in seinen neuen Ostgebieten eine rigorose Nationalitätenpolitik. Vor allem der Unterrichtsminister Grabski zerschlug das Minderheitenschulwesen.Georg Friebe

Die chauvinistische Polonisierung der Minderheiten - insbesondere der Ukrainer und Weißrussen (Entfernung aus dem Staatsdienst, Sprengung von orthodoxen Kirchen etc.) - förderte deren Widerstand, so dass es zu einer Welle der Gewalt kam, die 1931/32 ihren Höhepunkt erreichte (vgl. Alexander, Polen, 301f.).

2. Die Deportationen in Ostpolen ab 1939

Was Hitler im Westen Polens tat, das vollzog Stalin im Osten Polens. Stalin strebte eine rasche Sowjetisierung des annektierten Ostpolens an.
240.000 - 250.000 (Philipp Ther) bzw. 300.000 (Hoensch, Polen) polnische Soldaten gerieten in sowjetische Gefangenschaft. Darunter befanden sich etwa 10.000 polnische Offiziere. Keinem wurde der Status von Kriegsgefangenen zuerkannt. Tausende wurden 'liquidiert'.

Nach polnischen Angaben wurden 800.000 bis 1,2 Mio. "Ostpolen" nach Sibirien und Zentralasien deportiert - d. h. die Deportierten aus dem Osten Polens waren mehrheitlich Polen; es waren aber auch Deutsche und Juden dabei. Nach sowjetischen Angaben belief sich die Zahl der Deportierten nur auf 300.000.

Sie erlebten die stalinistische Variante von Vernichtungspolitik: Die Tötung von Menschen wurde nicht industriell durchgeführt wie bei den Nationalsozialisten, man überließ das der Natur. Es gibt Schätzungen, dass die Sterblichkeit unter den Lagerinsassen pro Jahr bis zu 30% und unter den Verbannten bis zu 15% betrug.Ther, Vertriebene, 72f.

Als die deutsche Wehrmacht Mitte 1941 auch Ostpolen besetzte, kollaborierten zum einen Ukrainer und Polen mit der Besatzungsmacht bei der Vernichtung der Juden, zum anderen kam es aber auch zu einem Bürgerkrieg zwischen Ukrainern und Polen. Die Ukrainischen Nationalisten (Orhanisazija Ukrajinskych Nazionalistiw, ONU) wollten einen gegen Polen gerichteten Nationalstaat. Wolhynien, wo Polen nach 1921 eine besonders rigorose Polonisierungspolitik betrieben hatte, wurde zum Zentrum und Symbol des polnisch-ukrainischen Konfliktes. Dieser Bürgerkrieg erfasste Ende 1943 auch Ostgalizien und den Südosten Polens.

Fast zeitgleich mit der konzeptionellen Ausarbeitung eines homogenen ukrainischen Nationalstaats durch die UPA setzten in Wolhynien, einer Provinz, in der der polnische Bevölkerungsanteil stets gering geblieben war, punktuell die ersten Morde an Polen ein.Ther, Vertriebene, 74.

Als Anfang Januar 1944 die Rote Armee begann, ihre verlorenen Gebiete in Ostpolen zurückzuerobern, kam es zu erbarmungslosen Kämpfen zwischen Roter Armee, ukrainischer Aufstandsarmee (Ukrajinska Powstanska Armija, UPA) und polnischer Heimatarmee (Armia Krajowa, AK) mit beispiellosen Grausamkeiten an der jeweiligen Zivilbevölkerung. Die ukrainischen Verluste betrugen dabei ca. 100.000 Personen, die sowjetischen 30.000 Personen und die polnischen ca. 80.000 - 100.000 Personen. (Vgl. Ther, Vertriebene, 76f.)

3. Motive für Deportationen und Vertreibungen

Prof. Hans Lemberg beschreibt in seinem Vorwort zu einem Begleitbuch der dreiteiligen TV-Serie "Die Vertriebenen. Hitlers letzte Opfer." die Homogenisierung der Nationalstaaten und die Beseitigung von nationalen Minderheiten als Mittel der dauerhaften Friedenssicherung als eine der großen Wahnideen des 20. Jh.

War die "Friedenssicherung" aber wirklich das Motiv für die Massenvertreibungen und Bevölkerungsverschiebungen, oder waren sie nicht vielmehr nur "Mittel zum Zweck" (zur Stabilisierung von Machterweiterungen)?

Sowohl für Hitler wie für Stalin waren die Bevölkerungsverschiebungen eine reine Machtfrage. Sie waren in beiden Fällen eine der Konsequenzen der totalitären Herrschaft der beiden Gewaltherrscher. Hitler instrumentalisierte dafür die 'Nationalidee', Stalin die Idee des Marxismus. (Dabei war Hitler so wenig Nationalist wie Stalin Marxist: Hitler nannte sich auch einen 'Sozialisten' und Stalin proklamierte den sowjetisch-deutschen Krieg zum 'Großen Vaterländischen Krieg'. Interessanterweise waren beide nicht Angehörige der Nation, deren Interessen sie vorgeblich vertraten.Georg Friebe

Stalin ging es klar um eine Revision des schmählichen Friedens von Riga 1921 und um die Rückgewinnung des russischen Anteils an den polnischen Teilungen, der nach Stalins Auffassung niemals zu Recht zu Polen gehört hatte. Um Polen nun definitiv die "Curzon-Linie" schmackhaft zu machen, verband Stalin die Vertreibung der Ostpolen mit der Vertreibung der Ostdeutschen. Für dieses genial-raffinierte (Georg Friebe) Konzept instrumentalisierte Stalin polnischen Chauvinismus und traditionellen Deutschenhass. Es gelang ihm sogar die katholische Kirche Polens bei der Vertreibung der Ostdeutschen zu beteiligen.

Der von Nazi-Deutschland begonnene Zweite Weltkrieg war somit letztlich keine Ursache für die Vertreibung der Ostdeutschen (und auch Ostpolen), sondern ihre Ermöglichung.

4. Die "rechtliche" Seite von Deportation und Vertreibung der Ostpolen

Im September 1944 schloss das "Polnische Komitee der Nationalen Befreiung" (das "Lubliner Komitee") mit der weißrussischen, der ukrainischen und der litauischen Sowjetrepublik "Evakuierungsverträge", in denen es die Abtrennung der polnischen Ostgebiete anerkannte.
Das Lubliner Komitee war im Juli 1944 aus Mitgliedern des "Verbandes polnischer Patrioten" und des "Landesnationalrates" als kommunistische polnische Satellitenregierung gebildet. Die polnische Exilsregierung in London wurde als illegal bezeichnet.

Für die Abwicklung der "Evakurierung" (seit 1945: "Repatriierung") wurde eine sowjetisch-polnische Kommission eingesetzt. In den Verträgen wurden die Evakuierungen als "freiwillig" bezeichnet. Tatsächlich kam es aber auch zu verschiedenen Zwangsmaßnahmen.
Auf jeden Fall sollten Bauern neben ihrem Vieh pro Familie 2 Tonnen Gepäck mitnehmen dürfen, Städter nur eine Tonne Gepäck. Eigentum, das zurückblieb, sollte in Verzeichnissen registriert werden. Die Betroffenen sollten damit Anspruch auf Entschädigung erhalten.
Die Evakuierungsverträge waren "gegenseitig" angelegt. D. h. in Polen lebende Ukrainer, Litauer und Weißrussen sollten ebenfalls "freiwillig" ihre Heimat verlassen.

1945 und 1946 verließen 482.000 Ukrainer Polen.Georg Friebe

Am 16. August 1945 kam es zu einem Grenzvertrag zwischen der Sowjetunion und Polen.

Deutsche in Polen und "eingedeutschte Polen" (nach Volksliste I und II; sie galten als Verräter) wurden per Dektret vom 28. Februar enteignet. "Feindliche Elemente" wurden aus der polnischen Volksgemeinschaft ausgeschlossen, hieß es offiziell.

5. Verlauf der Vertreibung der Ostpolen

Die massenhafte "Repatriierung" sollte schnell vonstatten gehen. Sie wurde mitten im Winter 1945 begonnen. Das Problem war, dass zum einen die vorgesehenen deutschen Ostgebiete noch nicht erobert waren, zum anderen die Transporte nach Ostdeutschland schlecht organisiert waren. Oppeln bildete dabei eine Art "Sackgasse", da hier aufgrund einer anderen Spurbreite der Schienen die Züge aus Ostgalizien umgeladen werden mussten.
Aufgrund des vielen Haushalts und des Viehs, das die polnischen Vertriebenen mitschleppten, kam es zu langen Wartezeiten an den Verladestationen.
Sicherlich gab es auch Zwangsmaßnahmen und Schikanen, die die Polen zum Verlassen nunmehr sowjetischer Gebiete veranlassen sollten, doch hinzu kamen auch die in Aussicht gestellten Entschädigungen in Ostdeutschland.

Oft hatten die Menschen auch das Bedürfnis, nach sechs Jahren wechselnder Besatzung, Deportation und Bürgerkrieg endlich in einem Gebiet zu leben, wo Polen, d. h. Sicherheit und Frieden herrschten.Ther, Vertriebene, 83.

Um die Siegermächte auf der Potsdamer Konferenz vor "vollendete Tatsachen" zu stellen, sollten alleine bis zum 2. August 1945 1,85 Mio Umsiedler aus Zentralpolen in den künftigen Westgebieten angesiedelt werden. Man sprach vom "Goldenen Westen" und vom "Land, in dem Milch und Honig fließen."

In Litauen lebten 1959 noch 230.000 Polen (8,5 % der Gesamtbevölkerung), in Weißrussland 539.000 (=6,7 %) und in der Ukraine 363.000 (=0,9 %).
Aus Frankreich, Belgien und dem Ruhrgebiet kamen 234.749 Remigranten zurück. Anscheinend wurden diese Rückkehrer auch vorwiegend in das annektierte Ostdeutschland gesteckt. 1948 gab es dort eine starke Gruppe von Umsiedlern aus Zentralpolen, die die 'Repatrianten' um das doppelte übertrafen.Georg Friebe

Es kam zu einer regelrechten "Konkurrenz" zwischen Umsiedlern aus Zentralpolen, die sich als die 'Pioniere' und 'Träger der polnischen Kultur und Staatlichkeit in den Westgebieten' betrachteten und den Vertriebenen aus Ostpolen. Dabei waren die Zentralpolen klar im Vorteil. Sie handelten nach dem Prinzip: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Da sich viele Polen - darunter auch Beamte des Staates - zunächst nicht vorstellen konnten, dass die deutschen Gebiete bei Polen verbleiben werden, kam es zu Plündereien, Überfälle etc. Deswegen hieß der "Goldene Westen" in Polen plötzlich nur noch "Wilder Westen", in dem das Recht des Stärkeren galt.

Unter ihnen [den Siedlern] sind besondere Mängel festzustellen: systematische und fortdauernde Plünderung, Vernichtung des lebenden und toten Inventars, Schlachtung mit Handels- und Schieberzielen, Schlamperei und Mangel an Ordnung, erschreckende Untätigkeit und Faulheit, schließlich fortdauernde Trunkenheit.Brief einer polnischen Behörde. Zitiert nach: Ther, Vertriebene, 129.

Dieser Szaber organisierte sich im Frühsommer 1945 immer stärker in mafiösem Ausmaß. Die polnischen Behörden versuchten zwar zunächst dieses Treiben zu bekämpfen, waren aber spätestens im Herbst 1945 selbst von den marodierenden Banden unterwandert.

Philipp Ther sieht in Vorgeschichte und Ablauf der Vertreibungen noch ein weites Forschungsgebiet, das für die beteiligten Nationen viele neue und für ihr Selbstverständnis meist wenig angenehme Erkenntnisse birgt.

6. Quellen und weiterführende Hinweise

  • Alexander, Manfred: Kleine Geschichte Polens, Stuttgart, 2003.[zitiert: Alexander, Polen]
  • Friebe, Georg: Deutschlands Osten und sein östlicher Nachbar. Beiträge zur Geschichte und Zeitgeschichte Ostdeutschlands, Polens und der deutsch-polnischen Beziehungen, Eigenverlag, 2004. [zitiert: Georg Friebe]
  • Ther, Philipp: Deutsche und polnische Vertriebene. Gesellschaft und Vertriebenenpolitik in der SBZ/DDR und in Polen 1945-1956, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 1998. [zitiert: Ther, Vertriebene]