28. Nov. bis 1. Dez. 1943

Konferenz von Teheran

Die USA, Großbritannien und die Sowjetunion hatten sich nach dem deutschen Einmarsch in die Sowjetunion im Juni 1941 zur "Anti-Hitler-Koalition" zusammengeschlossen. Halb Europa, vom Atlantik bis zur Ukraine, war deutsch besetzt. Anfang 1943 erlitt die deutsche "6. Armee" in Stalingrad eine katastrophale Niederlage. Am 13. Mai 1943 kapitulierte das deutsche Afrikakorps. Am 8. September 1943 kapitulierte die italienische Armee ebenfalls und wechselte schließlich am 13. Oktober 1943 die Fronten.

Ende November 1943 kam es nunmehr zum ersten Gipfeltreffen der "Großen Drei" (Roosevelt, Churchill und Stalin) in der iranischen Hauptstadt Teheran.

Zentrales Thema Nr.1: Die Kriegsführung bzw. "Militärische Absprachen"

Stalin drängte seit 1942 auf die Eröffnung einer "Zweite Front" in Westeuropa, um die Rote Armee im Kampf gegen Hitler zu entlasten. In Teheran beschlossen Roosevelt, Churchill und Stalin schließlich die Invasion amerikanischer und britischer Truppen in Nordfrankreich für das Frühjahr 1944 ("Operation OVERLORD"). Dies war bisher wohl aus logistischen Gründen immer verschoben worden, was zwischen den Alliierten aber auch zu erheblichen Spannungen geführt hatte. Gleichzeitig sagte Stalin zu, eine sowjetische Großoffensive an der Ostfront einzuleiten, um die deutschen Streitkräfte zusätzlich zu binden. Darüber hinaus erklärte sich die Sowjetunion bereit, nach dem Sieg über Deutschland in den Krieg gegen Japan einzutreten.

Mit diesen Beschlüssen wurden die militärischen Grundlagen für die Niederlage des Deutschen Reiches geschaffen. Gleichzeitig wurde jedoch deutlich, dass die Beratungen sich nicht mehr nur auf den Kriegsverlauf, sondern auch auf die politische Neuordnung Europas nach dem Krieg bezogen.

Zentrales Thema Nr.2 : Die Behandlung Deutschlands und die "polnische Frage"

Im Mittelpunkt der Beratungen über die politische Neuordnung Europas stand die Zukunft Polens, also die Erörterungen über die künftige Ostgrenze Polens sowie der territorial Ausgleich durch deutsche Gebiete im Westen.

Obwohl weder Churchill vom Parlament noch Roosevelt vom Kongress die Vollmacht erhalten hatte, Nachkriegsgrenzen festzulegen, einigten sich die Großen Drei darauf, dass Polen, um die "Sicherung der Westgrenze der Sowjetunion" zu erreichen, nach Westen "verschoben" werden sollte. Sie waren sich auch einig, dass sie die Grenzfrage zunächst auch ohne Hinzuziehung der polnischen Exilregierung lösen könnten.

Die Westalliierten waren kriegsmüde und wollten das Bündnis mit der Sowjetunion nicht wegen des Schicksals Ostpolens gefährden. Nach den Erfolgen der Roten Armee besaß Stalin eine starke Verhandlungsposition. Churchill betonte zwar, dass - gemäß der Zusicherung Chamberlains an Polen Ende März 1939 - Großbritannien für ein starkes und unabhängiges Polen gegen Deutschland in den Krieg gezogen sei, habe sich jedoch nicht auf bestimmte Grenzen Polens festgelegt. Um seine Vorstellung zu veranschaulichen, demonstrierte er den "Marsch Polens nach Westen" mit drei Streichhölzern, die die Sowjetunion, Polen und Deutschland symbolisierten (vgl. FRUS, Cairo & Teheran, S. 512).

Der Völkerrechtler Alfred M. de Zayas bezeichnet dies als eine Regelung "à la Hitler", weil über die Köpfe von Millionen betroffener Menschen, Polen und Deutsche, hinweg entschieden wurde.

Mit Rücksicht auf Stalin akzeptierte Churchill den Vorschlag der Sowjets, Polen nach Westen bis an die Oder zu "verschieben", während Ostpolen bis zur Curzon-Linie von der Sowjetunion beansprucht wurde. Stalin weigerte sich, mit der polnischen Exilregierung in London Kontakte aufzunehmen und ließ klar erkennen, dass er im ostmitteleuropäischen Raum freie Hand zu behalten wünschte.Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, 2006

US-Präsident Roosevelt versicherte am 1. Dezember 1943 Stalin, er könne einer Westverschiebung Polens grundsätzlich zustimmen. Mit Rücksicht auf die rund sechs Millionen polnische Wähler (außerdem Esten, Letten und Litauer) und die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen wolle er sich in Teheran noch auf keine Grenze festlegen.

Längst vergessen war der Grundsatz des Selbstbestimmungsrechts der Völker, den 25 Jahre zuvor US-Präsident Wilson unter anderem in einer Rede am 11. Februar 1918 vor dem US-Kongress feierlich als oberstes politisches Prinzip proklamiert hatte, das zukünftig kein Staatsmann mehr übergehen dürfe:

There shall be no annexations, no contributions, no punitive damages. Peoples are not to be handed about from one sovereignty to another by an international conference or an understanding between rivals and antagonists. National aspirations must be respected; peoples may now be dominated and governed only by their own consent. "Self-determination" is not a mere phrase. It is an imperative principle of action, which statesmen will henceforth ignore at their peril.US-Präsident Woodrow Wilson, 11.02.1918, FRUS 1918, S.110.

Zu der generellen Nachgiebigkeit der Westmächte gegenüber Stalin, hinter der der Historiker Michael Hartenstein eine damals noch existierende Furcht vor einem "deutsch-sowjetischen Separatfrieden" vermutet (vgl. Hartenstein, Oder-Neisse-Linie, 64), kam, dass die polnische Exilregierung in England und nationalkonservative Untergrundorganisationen bereits 1940 die Oder-Neiße-Linie als Westgrenze Polens gefordert hatten. Die Deutschen östlich dieser Linie sollten vertrieben werden. 1941 schlossen sich dem die polnischen Sozialisten und 1944 die "katholische Arbeiterpartei" an.

Aufgrund dieser Diskussionen und Dispositionen in der Heimat schlug die Exilsregierung in zwei Memoranden an den amerikanischen Präsidenten vor: Polen solle gesichert werden 'durch einen breiten Zugang zur See und durch eine Grenze mit Deutschland, die sowohl hinreichend nach Westen verschoben als auch begradigt und verkürzt werden sollte.'(Georg Friebe: Die Entwicklung vom Beginn des II. Weltkrieges bis zur Konferenz von Teheran.)

Quellen und weiterführende Hinweise

  • Friebe, Georg: Deutschlands Osten und sein östlicher Nachbar. Beiträge zur Geschichte und Zeitgeschichte Ostdeutschlands, Polens und der deutsch-polnischen Beziehungen, Eigenverlag, 2004.
  • Foreign relations of the United States1918, Supplement 1, The World War, Vol. 1, Washington, D.C.: U.S. Government Printing Office, 1918, S. 108-113. [zitiert: FRUS 1918]
  • Ebd.The Conferences at Cairo and Teheran, 1943, Washington, D.C.: U.S. Government Printing Office, 1943 [zitiert: FRUS, Cairo & Teheran]
  • Görtemaker, Manfred: Die Potsdamer Konferenz, in: SPSG u. Chronos-Film (Hg.), Schloss Cecilienhof und die Potsdamer Konferenz. Von der Hohenzollernwohnung zur Gedenkstätte, Chronos-Verlag, Berlin - Kleinmachnow - Potsdam, 1995. [zitiert: Görtemaker, Potsdamer Konferenz]
  • Hartenstein, Michael A.: Die Geschichte der Oder-Neiße-Linie, Olzog-Verlag, München, 2006. [zitiert: Hartenstein, Oder-Neisse-Linie]
  • Zayas, Alfred Maurice de: Die Nemesis von Potsdam. Die Anglo-Amerikaner und die Vertreibung der Deutschen, überarb. u. erweit. Neuauflage,Herbig-Verlag, München, 2005, S. 85 - S.88. [zitiert: De Zayas, Nemesis]