Einleitung

In vielen deutschen Geschichtsbüchern wird die Potsdamer Konferenz auf wenige Sätze reduziert.

So liest man etwa: "Die Potsdamer Konferenz beschloss die Westverschiebung Polens." Oder: "Die Potsdamer Konferenz legte die Oder-Neiße-Grenze fest." Mitunter heißt es sogar: "Auf der Potsdamer Konferenz beschlossen die 'Großen Drei' die Vertreibung der Deutschen aus Osteuropa."

Solche verkürzende Darstellungen werden den historischen Zusammenhängen nicht gerecht.

Es wird häufig übersehen, dass die in Potsdam getroffenen Vereinbarungen vielfach keinen endgültigen Charakter hatten. Vielmehr handelte es sich in wesentlichen Fragen um vorläufige und zum Teil widersprüchlich wirkende Regelungen.

Widersprüchlich zum Beispiel deshalb, weil derselbe Absatz einerseits die endgültige Festlegung der Westgrenze Polens einem Friedensvertrag vorbehält, andererseits aber bereits von "früheren deutschen Gebieten" spricht. Vgl. Artikel IX, Potsdamer Protokoll

In diesem Zusammenhang weist der Historiker Georg Friebe darauf hin, dass die Bereitschaft der Westmächte, Polen für die verlorenen Ostgebiete auf Kosten Deutschlands zu entschädigen, "selbstredend für ein demokratisches Polen" gegolten habe. Gegen diese "Geschäftsgrundlage" habe Stalin verstoßen.

Zur historischen Einordnung gehört auch die Atlantik-Charta vom 14. August 1941. Churchill und Roosevelt bekannten sich darin unter anderem zu dem Grundsatz, dass sie keine territorialen Veränderungen anstreben, die nicht mit dem Selbstbestimmungsrecht der betroffenen Völker übereinstimmen. Damit knüpften sie an das oberste politische Prinzip an, das US-Präsident Wilson bereits 1918 formuliert hatte.

Die folgenden Seiten gehen der Frage nach, weshalb dieses Selbstbestimmungsrecht spätestens auf der Konferenz von Teheran hinter machtpolitischen Erwägungen zurücktrat. Die Potsdamer Konferenz bildete dabei nicht den Ausgangspunkt, sondern den vorläufigen Abschluss dieser Entwicklung. Es ist umso fragwürdiger, dass bis heute immer wieder auf die Potsdamer Konferenz verwiesen wird, um einem der größten Menschheitsverbrechen des 20. Jahrhunderts – der millionenfachen Vertreibung der Ostdeutschen – nachträglich den Anschein völkerrechtlicher oder moralischer Legitimität zu verleihen.